Wissen und Information an der Börse
Nur fragmentarisches Wissen und die emotionale Beteiligung an Entscheidungsprozessen in einem komplexen und daher nicht kontrollierbaren Geschehen wie an der Börse sorgen dafür, dass objektive Wertfragen nie abschliessend beantwortet werden können. Die Bewertung nimmt das System selbst vor, und zwar auf der Grundlage einer von Wertschätzung gesteuerten Interaktion zwischen Angebot und Nachfrage.
Der herausragende Ökonom und Vertreter der Austrian School of Economics, Ludwig Lachmann, definierte Wertschätzung als eine „Beziehung zwischen einem wertenden Bewusstsein und dem bewerteten Gegenstand“, die er als eine „Manifestation geistiger Aktivität“ in seinem nach wie vor höchst empfehlenswerten Buch „Marktprozess und Erwartungen“ bezeichnete. Diese Beziehung verändert sich mit der Entwicklung der Wissensbasis der Anlegergemeinde. Was das für die Börse aus Sicht der Österreichischen Schule bedeutet, habe ich zusammengefasst dem Nobelpreisträger für Ökonomik 2002 und Begründer der experimentellen Ökonomik, Vernon Smith, in Zusammenhang mit einer Vortragsserie in Asien, vorgelegt. Darauf antwortete er per Mail am 21. März 2005 kurz und bündig: „Alfons: I read your piece … its very good“.
Die deutsche Übersetzung dieser Zusammenfassung lautet:
1.)Wissen ist subjektiv. Es besteht aus einer Mischung formellen Wissens und persönlicher Erfahrung. Die beiden beeinflussen sich gegenseitig wenn Entscheide unter dem Regime von Ungewissheit und unter Zeitdruck gefällt werden müssen, wie dies z.B. an den Finanzmärkten permanent der Fall ist.
2.)Wissen ist asymmetrisch verteilt. Gesetze und Reglemente zur Beaufsichtigung der Finanzmärkte sind dazu da, die symmetrische Verteilung von Information sicherzustellen. Information und Wissen sind aber nicht deckungsgleich.
3.)Die Reaktion von Marktteilnehmern ist folglich subjektiv. Die Evaluation von Information ist ein endogener Prozess der durch exogene Stimuli ausgelöst wird.
4.)Wissen und Information können Ungewissheit sowohl erhöhen als auch vermindern. Marktteilnehmende bewältigen Ungewissheit indem sie sich vorzustellen versuchen, was andere Marktteilnehmende wissen und wie sie mit dem laufenden Informationsfluss umgehen werden. Dadurch gewinnt die Evolution der Preise von Finanzmarktobjekten zwei Funktionen:
a)sie legt offen, wo das eigene Wissen in Übereinstimmung mit jenem der Mehrheit war und ist und wo nicht, und gibt Signale über notwendige Anpassungen der Portfolios um das Überleben im Markt zu sichern;
b)die Preishistorie übt Einfluss auf die Evaluation aktueller Informationen aus, was beispielsweise daran erkennbar wird, dass Analysten nach einer Phase fallender (steigender) Aktienkurse ihre Kursziele reduzieren (erhöhen).
Dies erklärt den Befund, dass relativ starke Aktien eine ausgeprägte Neigung haben, während langer Zeit besser als andere, meistens dargestellt in einem Index, abzuschneiden.
Alfons Cortés
