Betroffene Börsianer
Ein Spassvogel sagte, wer die Kolumne „Der Markttechniker“ in Finanz & Wirtschaft lese, habe mehr vom Leben, weil die Bedeutung wissenschaftlicher Entwicklungen in Nachbardisziplinen lange bevor sie in die ökonomische Fachliteratur und in die Fakultäten Eingang finden, erkannt würden. Konkret bezog er sich auf die Theorie somatischer Marker von Antonio Damasio, die in der Kolumne vom 9. Juli 1997 vorgestellt wurde. Zunächst blieb sie ausserhalb der Neurowissenschaften unbeachtet, mittlerweile wird immer häufiger ihre Bedeutung für eine mikroökonomisch fundierte Entscheidungstheorie anerkannt. Kronzeuge in diesem Zusammenhang ist der im „Journal of Economic Literature“ vom März 2001 erschienene Aufsatz „The Biological Basis of Economic Behavior“ von Arthur Robson.
Die genannte Theorie besagt, dass Emotionalität ein intrinsischer Teil rationaler Entscheide darstelle. Diese Erkenntnis ist von eminenter Bedeutung für das Verständnis der Entscheidungsprozesse an den Börsen. Die Theorie validiert zahlreiche Heuristiken, die sich durch Versuch und Irrtum über Jahrzehnte herauskristallisiert haben. Als Beispiele seien genannt: Widerstands- und Unterstützungsmarken, 200-Tage-Durchschnitte, Bollinger Bänder, Chart-Formationen etc. Sie alle illustrieren nichts anderes als die Enttäuschung der einen und das Erfolgserlebnis der anderen Partei. Es handelt sich um Emotionen einer ganz besonderen Kategorie, die sich wie Computerviren unbemerkt und ungerufen in unser Gehirn einschleichen und von da an den wunderbaren homo oeconomicus bastardisieren.
Wenn grosse Trends über die Grenze des individuellen Erlebnisses hinweg eine kollektive Erfahrung herbeiführen, entfalten historische Kurse ihre Wirkung auf die Verarbeitung aktueller Nachrichten und auf die Bildung von Erwartungen für die Zukunft mit besonderer Potenz. Das ist die Ratio, warum es an der Börse von grossem Vorteil ist, nicht nur die ökonomischen Daten systematisch zu verarbeiten, die selbst keinen Beitrag zur Entstehung von Emotionen leisten, sondern auch die Preise, die die individuelle und die kollektive emotionale Befindlichkeit regeln.
Noch ist Neuro Finance nicht in aller Munde, aber doch deutlich auf dem Vormarsch. Dies nicht zuletzt dank der Forschung an der Universität Zürich unter der Leitung von Professor Dr. Thorsten Hens.
Alfons Cortés